fritz letsch, theaterpädagoge im entwicklungsdient theater-methoden in der Paulo-Freire-Gesellschaft 07.10.96

Auf dem Weg zu einem Theater der Veränderung


Auszug aus dem Leitartikel der zeitschrift für befreiende pädagogik nr. 10: es braucht mut, glücklich zu sein Überarbeitung der alten http://home.arcor.de/letsch/vernderu.htm

Aus Erfahrungen von 15 Jahren ...

Mein Beginn
Im Herbst 1981 gab es in der Alabamahalle in München einen Abend zum Theater der Unterdrückten, zu dem ein Projekt von arbeitslosen SchauspielerInnen mit Augusto Boal eingeladen hatte. Augusto leitete den Abend mit Aufwärm-Übungen für das Publikum ein, dann stellte er als Spielleiter oder Joker drei Forum-Szenen vor, die professionell vorbereitet waren. Wir, das Publikum, stiegen ein, veränderten und diskutierten, waren begeistert und rissen den SchauspielerInnen die paar Kärtchen beinah aus den Händen, auf denen eine Telefonnummer zur Anmeldung zu einem folgenden Workshop stand.
Dieser war dann nur der erste einer größeren Reihe: Ich hatte gerade meine Schauspielschule abgeschlossen, etliche Grotowski-, Clown- und Mime- Workshops hinter mir und war auf der Suche nach einer passenden Theatergruppe, nachdem ich meinen Job als katholischer Gemeindereferent und Religionslehrer gekündigt hatte.
Sowohl die dialogische Form als auch die politische Auseinandersetzung hatten es mir angetan: Das sollte sich in späteren Workshops noch bis zu Folterszenen vor der Berliner Philharmonie steigern und zu unsichtbarem Theater als "Bürger begrüßen Reagan" erweitern. Gleichzeitig begann auch schon meine eigene Workshop-Praxis, nachdem ich schon vorher in der Jugendarbeit Theater-Methoden eingesetzt hatte. Neben Seminaren der Gewaltfreien Aktion (steigernd bis zum Stationierungs-Beschluß Herbst 1983), politischer Bildung und der Moderation von Zukunftswerkstätten (und Fortbildungen dazu) ist sie mir zum neuen Beruf geworden.

Zusammenarbeiten
Im Lauf der Jahre unterstützten mich viele VeranstalterInnen, die immer wieder den Mut und die Lust hatten, Seminare mit mir zu organisieren. Ihnen verdanke ich vor allem die Ausdauer: Was manche Intensiv-Woche an Begegnungen brachte, war oftmals schicksalshaft, auch für mich, und viele Teilnehmende wurden langjährige Freunde und Kollegen.
Leider ist die Situation für langfristige und konzentrierte Zusammenarbeiten schwierig geworden, da nur wenige Intensiv-Seminare und Fortbildungen so gut zeitlich und finanziell ausgestattet sind, daß wir zu mehreren gemeinsam arbeiten können. Wieviel dabei auch von unserer mangelnden Konzentration abhängt, haben wir noch nicht ergründet.

Besonders interessant war für mich, immer wieder neue Aufgabenstellungen zu bekommen, wie sie einerseits aus Bedürfnissen, andererseits aus Zeitströmungen und manchmal auch aus Finanzierungen entstanden: Vom Einsatz in der Ausbildung zur Aidsprävention über Gewalt- und Rechtsradikalismus- Ängste, bis zum interkulturellen Lernen in der Schule und dem Einsatz in der Flüchtlingsarbeit führt eine viel breitere Palette, als ich sie hier jetzt schildern könnte.
Eine neue Seite begann in der Zusammenarbeit mit Brendt Wucherer und Renate Joas in der HOZOFactory: Von Unternehmens-Entwicklung, -Darstellung und -Kommunikation bis zum Entwurf und regelmäßiger Anwendung des Visions-Theater (R) mit Management-Gruppen, in der Teambildung und in Unternehmensfortbildungen ist ein spannender Weg entstanden, der meine langjährige Mitarbeit im Theoriearbeitskreis Alternative Ökonomie wieder fruchtbar werden lässt.
Hier gelingt auch immer mehr die Zusammenführung der Theater-Elemente mit der der Struktur der Zukunftswerkstatt zu tatsächlich eigenständigen Visionen der Mitarbeitenden für ihre Aufgaben und für ihre persönliche Planung.

Beschränkungen
Entsprechend schwierig ist es, KollegInnen in und aus anderen Bereichen kennenzulernen und im Austausch zu behalten, ob nun Interessens-, Konkurrenz- oder Kompetenz- Fragen im Spiel sind. Leider bin ich selbst im Französischen nicht geübt, so daß ich diesen Bereich (und damit auch die Arbeit des CTO Paris) bisher nur aus zweiter Hand kenne und nicht selbst ergründen konnte, aber der Austausch unter Theater-Leuten und sozial Engagierten geht auch sonst noch wenig über Sprachgrenzen. Roberto Mazzinis Bemühungen verdienen dabei allmählich europäische Orden...

Vor-Geschichten

Die verfügbare Literatur und die Ausbreitung
Neben den Personen und Einrichtungen, die Augusto Boal in seinem europäischen Exil unterstützten und seine Arbeit bekannt machten, ist vor allem das Suhrkamp-Büchlein in seinen beiden Versionen dazu sehr hilfreich gewesen: Nach der anschaulichen Darstellung des Entstehens in einzelnen Aufsätzen Augusto´s geben in der zweiten Ausgabe die Schilderungen von Übungen und Spielen aus den Workshops für die werdenden Praktiker gute Anregungen und Erinnerungen.
Leider gibt es aber bis heute keine Übersetzung der Bücher von Augusto, in denen er seinen Bezug zu Brechts Vorschlägen und Grundgedanken schildert. Der Alexander-Verlag bereitet nun immerhin die deutsche Ausgabe des "Rainbow of Desire" vor, in dem die psychisch-vertiefende Arbeit der letzten Jahre vor seiner Rückkehr nach Brasilien deutlich wird.
Bernd Ruping hat 1991 in der Schriftenreihe der Bundesvereinigung kulturelle Jugendbildung eine Sammlung von deutschen Anwendern und ihren Erfahrungen herausgegeben, die aber nur im Theaterpädagogischen Zentrum Lingen und in der Akademie Remscheid zu erhalten ist.
Ein "Schulheft" der Arbeitsstelle Weltbilder mit dem Titel "Spielräume" nahm 1993 den Faden auf und stellte gemeinsam mit der Schulstelle der Arbeitsgemeinschaft Swissaid Bern in einem Werkbuch Arbeitsbeispiele mit Schülern und Lehrern mit einem Artikel Augusto´s "Zweifel und Gewissheiten" zusammen.
Grundlage verschiedener, auch meiner Arbeiten ist auch die Magisterarbeit von Barbara Frey, die 1989 unter dem Titel "Theater der Unterdrückten in Europa eine umfangreiche Bestandsaufnahme gemacht hatte. Die Zusammenstellung Simone Neuroth´s im Deutschen Studien-Verlag "Augusto Boals >Theater der Unterdrückten< in der pädagogischen Praxis" schildert ausführlich die Adaptionsgeschichte und Entwicklung im deutschen und internationalen Bereich bis etwa 1992.

Resonanz auf und Behinderung durch die Begriffe

Theater ist in der heutigen Praxis aus der deutschen Tradition etwas eher steifes, auswendig-lernen-müssen, falsches, übertriebenes ... aber wenig angenehmes- außer, man spielt es selbst und hat diese Lust kennen- und entfesseln gelernt. Manche empfinden dabei sehnsüchtiges, aber kaum jemand hilfreiches für das eigene Leben, den Alltag. Auch in der DDR war die `moralische Anstalt´ nicht nur beliebt, aber diskussions-geübter.
Unterdrückte sind vor allem für christlich und links orientierte Menschen vorstellbar, aber meist als fern empfunden, als Appell an das schlechte Gewissen oder mit politischem Schuld-Vorwurf.
Entsprechend schwierig ist es manchmal, das Theater der Unterdrückten als etwas Befreiendes, Lustvolles und Systematisches zu vermitteln. Nicht selten weisen Begriffe wie "Theater der Unterdrückung" und "Verstecktes Theater" auf unreflektierte Schnell-Übernahme hin und signalisieren unseren schnellen Spaß an neuen Spielen.
Die Verbreitung in Einrichtungen im europäischen Raum
Ausgehend von meinen eigenen Aufträgen, bei denen ich selten auf andere KollegInnen des Theater der Unterdrückten treffe, kann ich allmählich einen "Marsch durch die Institutionen" nachzeichnen, ohne allerdings dabei bisher in die Nähe einer Pensionsberechtigung geraten zu sein.

Institutionen, Verbände und Gruppen

Ausgehend von Gruppen der katholischen und evangelischen Jugend landete ich zuerst auf den verschiedenen Ebenen der Verbände, von Freizeiten-Gestaltung bis zu Gruppenleiter-Fortbildungen, um dann in Fortbildungen der Jugendarbeit (z.B. Institut für Jugendarbeit des Bayrischen Jugendring) und Jugend- und Studentenseelsorge, Bundeskonferenzen bis in Akademien und Bundesministerien aufzusteigen.
Vom segnenden Bischof als Vorgruppe bis zu Entwürfen feministischer Liturgie, schwulem Kloster bis Nonnen im Befreiungskampf und Frauen in Schwarz gegen Militärseelsorge auf dem Kirchentag ist mir dabei wenig fremd geblieben, haben auch Katholiken- und Kirchentags- Szenen und Großauftritte entsprechende Spannung und Anregung gebracht.
Hochschulen, Aus- & Fortbildungen und Schulen
Sehr viel langsamer auf neue Methoden reagieren die "gehobenen Einrichtungen", und mit Ausnahme einiger sehr guter Kollegien oder einzelner LehrerInnen ist an Schulen bisher wenig passiert. Schultheatertage sind noch viel zu sehr auf Literaturtheater fixiert, Lehrerfortbildungen sind Raritäten, in der Sozialarbeit-Ausbildung wird das Theater der Unterdrückten sehr oft in grob verkürzter Weise weitergegeben.
Dazu hatte ich über vier Semester auch schon Gelegenheit: Die ständige Ablenkung und die gewohnte unkonzentrierte Arbeit Vieler macht den Anderen die Auseinandersetzung schwer, ungewohnt ist auch die intensive und personale Begegnung. Die entsprechende theaterpädagogische Arbeit mit Klienten (Randständigen) war aber dann einigen wirklich vorstellbar.
Theater und Schauspielschulen
SchauspielerInnen haben oft Probleme mit der Pädagogik, die zu dieser Theaterarbeit nötig ist: Die Werkstatt-Arbeit ist vor allem für arbeitslose KollegInnen nicht wirklich vorstellbar. weil ihre Ausbildung meist autoritär strukturiert war und von einem elitären Kunstbegriff ausging. So lange der Wunsch, auf der Bühne zu glänzen, nicht erfüllt werden kann, ist auch das Eingehen auf die Fragen des Publikums nicht möglich. Entsprechend gering ist die Verwendung der neuen Theatermethoden an den Ausbildungsstätten.

Landkarten der Verbreitung

Richtiggehende Brandherde der Verbreitung des Theater der Unterdrückten waren im Raum Münster / Osnabrück und um Würzburg über Jahre festzustellen, immer wieder ein aufflackern in Berlin, langjährig bei der kath. Landjugend, vor allem Diözese Augsburg und in der evangelischen Zivildienst-Seelsorge. Ausgangspunkte waren meistens BildungsreferentInnen und ProfessorInnen mit Begeisterungsfähigkeit und Dritte-Welt-Hintergrund.
Probleme der Theaterpädagogik und ähnliche Hindernisse
Am meisten fehlt bisher eine intensivere Fortbildung, die den teilnehmenden PädagogInnen auch die Sicherheit für die Praxis vermittelt. Mit den bisherigen Konzepten für eine Theaterpädagogische Ausbildung und Studien ist in dieser Hinsicht noch wenig entstanden, weil dabei der Bezug auf die pädagogische Praxis in meinen Augen noch zu gering ist. Eine Theaterpädagogik, die sich beruflich abgrenzt und absichert, wird auch nicht so sehr interessiert sein, in den Dialog zu gehen, sondern große Inszenierungen anstreben und sich in Szene setzen, statt den pädagogischen Eros des Wachstums anderer zu pflegen.

Veränderung lernen

In der Arbeit der letzten Jahre sind uns in der gemeinsamen Reflexion immer wieder Stichworte und Kombinationen ins Zentrum gerückt, die sonst nicht so geläufig sind. So war die "ökologische Depression" ein Gedanke, die Handlungs-Unfähigkeit angesichts des gesammelten Wissens um die ökologischen Krisen zu untersuchen, wie uns vorher schon die Reihe "Theater - Erziehung - Polizisten - Politik" beflügelt hatte.
Aus der Theoriebildung zur Zukunftswerkstatt- Moderation entstand eine bisher ungeordnete Studien-Reihe zu Veränderungs-Impulsen, an der verschiedenste ModeratorInnen und Teilnehmende mitwirkten. Wann und wie ändern wir wichtige Aspekte in unserem Leben?

Die Notwendigkeit

Es gibt viele Gründe, alles beim Alten zu lassen
aber nur einen Grund, etwas zu ändern:
du hältst es einfach nicht mehr aus.
Das Bewußtsein der ökologischen und sozialen Probleme ist uns weitgehend ein theoretisches, so daß es nur unser Gefühl belastet, aber nur im kleinsten Bereich zu tatsächlichen Handlungen führt. Diese Belastung versuchen wir mit Verdrängung und Beschwichtigung zu ertragen, aber wie in der krankhaften Depression gehen dabei Handlungsspielräume, Freiheit und Genuß verloren. Die feinsten Delikatessen werden langweilig, die weitesten Reisen führen zu unseren Alpträumen zurück, das Spülen von Müll (grüne Punkte) rechtfertigt nicht die Autoabgase ...
Agenda 21: Im Endeffekt eine erste Bankrott-Erklärung der Regierungen
Die UN-Konferenzen von Rio und Kopenhagen wurden zwar in der Presse oft als zahnlos und unsinnig dargestellt, bilden aber wichtige Schlußpunkte des Wachstumsglaubens: Immerhin hat sogar unsere Bundesregierung die Eingeständnisse des weltweiten Versagens unterschrieben, versuchen Länder und mitdenkende Kommunen nun CO2- Ausstoß, Verkehrsaufkommen und Energieverbrauch zu reduzieren.
Dabei glaubt kaum jemand an tatsächliche Veränderungen, so lange nicht eine ökologische und soziale Steuerreform den Verbrauch grundlegend und nachhaltig beeinflußt. Dazu sind aber die derzeitigen Regierenden weder bereit noch fähig.
Ein wenig Einsicht und Sparen geht und hilft nicht
Alle halbherzigen Versuche von Sparen und Reduzieren werden durch unsere lebenslustigen (oder -süchtigen) Zeitgenossen locker wettgemacht und konterkariert, durch endzeitliche Selbstverwirklichung ins Abseits gedrängt und von flotten Berufs-Aufsteigenden schnell-kommentiert und freundlich lächerlich gemacht.
Die Szenen zu diesen Themen kommen in allen Berufsgruppen in Variationen vor, werden moralisch beladen und landen damit in der Sackgasse des alten Idealismus, der uns die Welt als eine moralische vorstellen wollte.
Die kritische Sicht Bertolt Brecht´s wurde dabei (ein Werk des kalten Krieges) immer nur destruktiv vermittelt, dialektisches und materialistisches Denken mit Diskutiererei bzw. Besitz-Sucht verwechselt, somit klares Denken verstellt: Zwischen Buchhaltung, Wirtschaften und Politik werden durch unsinnige Verknüpfungen Sympathie -Konstrukte und Angst - Konstellationen erzeugt, die uns grundlegend lebensunfähig machen können.

Eine sehr hilfreiche Gegenüberstellung zum Unterschied zwischen Idealistischem und materialistischem Theater zitiert Boal in seinem (mir nur in englisch in dieser Zusammenstellung vorliegenden) Buch "Theatre of the Oppressed"
dramatische Form (idealistische Poetik)
1. Das Denken bestimmt das Sein
2. Der Mensch ist etwas gegebenes, fixiertes, ...
3. Der Konflikt des Freien Willens treibt die Dramatische Aktion
(...)
10. Sie ist Aktion in der Gegenwart (...)
12. Sie erzeugt Gefühle

epische Form (marxistische Poetik)
1. Das Soziale Dasein prägt das Denken
2. Der Mensch ist veränderlich, ... und im Prozeß
3. Die Widersprüche von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Kräften treiben die Dramatische Aktion
(...)
10. Sie ist Erzählung
12. Sie verlangt Entscheidungen

Die Auseinandersetzung mit realen Alltagssituationen bringt uns immer wieder an die Frage nach wirkenden Kräften (Polizisten im Kopf und Regenbogen der Wünsche als gezielte gemeinschaftliche Intra-Projektionen) und nach Auswegen aus Macht- und Herrschaftsverhältnissen. Neben den analytischen Methoden, mit denen wir Szenen und ihre Hintergründe zerlegen oder konfrontieren können, bringen die Sicht auf Mechanismen und Charaktermasken oft einen Eindruck von Gegebenheit und festgefahrenen Zuständen.

Gerade in der Situation von Ausweglosigkeit und Verzweiflung fehlt die ruhige Sicht, die für mich die positive Kraft des materialistischen Denkens mit den Kräften der alten Zeiten zusammenbringt:
Am Grunde der Moldau wandern die Steine,
Es ruhen drei Kaiser begraben zu Prag,
Was groß ist bleibt groß nicht, und klein nicht das Kleine,
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.
Es wechseln die Zeiten. die riesigen Pläne
Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne,
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt. b.brecht 3

Nur positive Orientierung bringt tragfähige Veränderungskraft

Ein Problem des Ausdrucks positiver Bilder ist die Nähe zum Kitsch: Unterdrückung ist sehr viel leichter darzustellen als Utopien und Hoffnungen. Trotzdem ist der Weg dorthin das Spannende. Nicht nur die Wendung von der Unterdrückung zur Befreiung, sondern auch die Orientierung auf dauerhafte zukunftsgerichtete Werte, auf neue Seiten des Lebens, die bisher nicht so deutlich gesehen wurden.
Dazu brauchen wir detaillierte Bilder von den darstellenden Personen, wie sie in den differenzierenden Methoden des Regenbogen der Wünsche erstellt werden. Sie bieten Bilderbögen der inneren Vorstellung, denen wir mit Respekt folgen können, weil sie uns vorsichtig, wie im Spiel, unsere verschiedenen Seiten zeigen.

Die Hindernisse

Weiterwursteln statt Zukunftsfähigkeit
Es gibt eine Tradition in der Medizingeschichte, die beim ersten Klarwerden der Ausbreitung von Aids geübt wurde: Es wird das falsche Konzept zur jeweiligen Seuche eingesetzt, weil es bei der "letzten" ja dann auch gewirkt hatte. So wurde ein Maßnahmenkatalog erlassen, der durchaus der Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten wie der Syphilis hätte entgegenwirken können, nur war das Handeln nicht dem neuen Virus angemessen. Die nun notwendigen Präventionsmittel können nicht eingesetzt werden, weil sie unserem Moralkodex widersprechen: Statt treuherzig Treue zu verlangen müßte klar vermittelt werden, daß sicherer Sex auch auf neue Art Spaß machen kann. So sind nun nach all den Aids-Kampagnen plötzlich höhere Ansteckungsziffern bei sehr jungen Leuten zu registrieren, die eben (wie wir Alten) nie gelernt hatten, bewußt ihre Sexualität zu leben.
Entsprechend reagiert die Politik in den meisten Fällen heute: Auf der Suche nach populären Lösungen wird weitergemacht, ohne tatsächliche Perspektiven zu entwickeln, indem Situationen und Privilegien "gerettet" werden. Dabei sind plötzlich seltsamste Koalitionen möglich, die aber nicht wirklich gleiche Absichten haben. Die Mischung der Ziele ist aber noch keine Synergie: Sie wäre nur zu erreichen, wenn eine Zusammenarbeit die gemeinsamen Kräfte über die eigenen Möglichkeiten hinaushebt. In Auseinandersetzung mit Bildern und Szenen würden wir uns wohl nicht so sehr belügen, wie dies beim Schmoren im eigenen Saft in jedem Klüngel geschieht.
Wir haben in unserer Kultur wenig oder keine Formen für echten Dialog gelernt. Mit dem Forum-Theater kann eine Form gefunden werden, die neue Auseinandersetzungen herausfordert. Dann entsteht mehr als die scheinbar objektiven Pro- und Contra - Diskussionen, mit denen Schulen und Fernsehen meinen, Kultur zu pflegen: Die Jesuiten waren mit der Suche nach einer Synthese, die aus These / Antithese auf einer neuen Ebene gefunden werden soll, schon ein ganzes Stück weiter.

Pädagogik verweigert sich der Politik

Mit der neuen Wertediskussion hat sich die Stoff-Pädagogik nur noch etwas mehr aufbürden lassen, statt die Lehrenden zum Dialog zu befreien: Als wüßten wir immer noch, daß die Kinder mit 13 Jahren Nebenflüsse in Indien lernen müssen, wird Stoff verabreicht, der geprüft werden kann, wird ein absolutistisches Abitur gefeiert, als hätten wir tatsächliche Arbeitsplatzchancen anzubieten. Der Neoliberalismus beginnt in der Kinderkrippe und in der Schule mit dem Denken an Studienplätze. In einer Richtung ist die Wirkung garantiert: Die Stoff-gewöhnten Kinder werden abhängige Beschäftigte, werden süchtig nach Arbeit oder Ersatzstoffen. Eigenständiges Lernen und Denken bleibt auf der Strecke.

Den Wissenschaften geht es dann wie der Philosophie: Kraftlos ohne reale Basis, sagt sie dem Einzelnen und der Gesellschaft kaum mehr, was eigentlich ihre Aufgabe wäre: Gesellschaft und Globales als Gemeinsames zu bedenken und dialogisch weiterzuentwickeln. Die vermeintlich abendländische Objektivität ist so reaktionär wie die neue "Political Correctness": Als könnte mit Rechtskonstrukten eine Idee vermittelt werden, sind wir nicht fähig, die Relativitätstheorie in unsere Gesellschaft zu übertragen und systemisches Denken in Dialoge einzubringen. In Szenen wird das überraschenderweise spielerisch möglich, wenn die Joker-Rolle deutlich macht, daß nicht eine richtige, sondern die jeweils persönliche Lösung gesucht wird.
Politik schreckt ab: Erschrecken wir die Politik!
Eine regelmäßig wiederkehrende Szene: Verlogene Machtkonstellationen und Arrangements. Nur wenige Teilnehmende schaffen es, die Spannung zwischen ihrem kleinen Alltag und der großen Politik so auszuhalten, daß sie auf Dauer auch fruchtbar werden kann. Das Legislative Theater geht genau in diese Spannung und bringt sowohl die Themen der spielenden Gruppe, als auch die Rathaus - Politik von Rio de Janeiro auf die Straßen und die Plätze, um die Lösungsversuche des Publikums in eine "Stoffwechselgruppe" ins Rathaus zurückzubringen.

19 Gruppen arbeiten zur Zeit zusammen mit dem "Mandat Boal", letzte Nachrichten davon im "Newsletter".

Eine Übertragung in unsere ideenlose Demokratie- und Politikmüdigkeit ist bisher nicht gelungen: Alle Angesprochenen staunten bisher über die Möglichkeit, mochten aber nicht in Richtung Übertragung weiterarbeiten. Es wird noch viele Anläufe brauchen, aber meine Neugierde ist groß genug, auch hierzulande diese Dialoge öffentlich zu gestalten. Vielleicht brauchen wir noch mehr und radikalere Formen, um gegen die aktuelle Ziel-Losigkeit und damit verbundene Verhinderungs-Notwendigkeit von Neuem anzugehen. Die mittelamerikanischen KollegInnen von Alforja (Satteltasche) entwickeln bereits Strategien, politikfähige Menschen außerhalb der Parteien aufzubauen.
Die Mechanik der Veränderung
Der Begriff mag zuerst erschreckend sein, aber viele unserer Verhaltensweisen sind tatsächlich rein mechanisch. Vor allem Wiederholungen, Teufelskreise wie Anti-Sucht- Verhalten, aber auch Kommunikationsriten und Berufsrituale sind feste Masken und "Charaktere", die wir uns zulegen und für gute Sitte oder Stil halten. Im Studium von Verhalten und Freiheit entdecken wir, daß festgelegte Charaktere zwar Sicherheit geben, aber Freiheit einschränken. Um alt oder falsch gewordene Rituale zu verändern ist es notwendig, neue zu entwickeln, statt gegen die alten zu opponieren.
Was die Gruppe AIC im Senegal (im Bericht von Pap Oumar und Christl Adick) mit den dortigen Bräuchen neu schafft, würde auch manchen unserer Gesellschaftsgruppen gut tun: Offene Rituale für Aufnahme, aber auch Verabschiedung, Gestaltung von Festen, Definition des Gemeinsamen und Neubenennung des Sozialen würde bis hin zur verfehlten Verfassungs- Neugestaltung unseren Beziehungen und unserem "in der Welt sein" dienen.
Erkenntnis und Wiederholungsmechanismen
Es ist immer wieder so trocken wie in der Alkoholtherapie: Erst nach Einsicht in den Mechanismus und die Wiederholungszwänge ist es möglich, aus dem Kreislauf auszusteigen und neue lebenswerte Formen zu finden. In der undifferenzierten Verfolgung verschiedener Drogen und Rauschmittel wird von den steuerbringenden Krankheits-Süchten abgelenkt, um die Mechanismen der Sucht und Abhängigkeit in Gang zu halten.
Suchtcharakter und Anpassungsdruck
Wer Stoff verabreicht, macht süchtig! Wäre das nicht ein Schild für Schultüren? Seltsamerweise kommen erst gut reflektierte Suchtpräventionen auf die verlorenen Spannungszustände unseres versicherten satten Lebens, beschreiben plötzlich defizitäre Lebensfelder, wie sie uns in archaischen Formen und Aufgaben des Theaters bekannt sind. Die Kinder und Jugendlichen in diesen Auseinandersetzungen zu stärken, zu begleiten und sie in die nötigen Rituale und Dosierungen einzuführen, braucht allerdings wirklich vertrauten Dialog und eine Ahnung von diesen Spannungsbreiten des Lebens: Es sind die fehlenden Dimensionen des Religiosen und Göttlichen, des Tanzens und Feierns, des Kämpfens und Streitens, von Eros und Sexualität, von Trauer und Tod. Mit unseren verflachten Umgangsformen kommen wir nicht mehr an unsere wirklichen Gefühle, ersparen wir uns das Leiden, verlieren aber auch die wirkliche Freude.
Die breitere Palette leben: Ausstiege sind Einstiege
Im Theater der Unterdrückten kommen wir immer wieder an die Tabus unserer Gesellschaft, um neuen Umgang dafür zu finden und unser Verständnis dafür zu vertiefen. An diesen Punkten ist Theater immer spannend, sucht und bringt die Auseinandersetzung und im Idealfall auch neue Riten und Umgangsformen. Eine besondere Bereicherung sind dabei interkulturelle Verständigungen, die schnell bildhaft wiedergeben können, was sonst ganzer Begründungsgeschichten und Herleitungen bedürfte.
Ein schönes Beispiel war mir vor Kurzem die Statue zur Angst einer deutschen Praktikantin in der Vorbereitung eines Südamerika-Aufenthaltes vor sexueller Belästigung dort. Sie stellte eine Szene dazu, wozu erst noch Lösungsversuche in Richtung "trag doch weite verhüllende Klamotten" und Sprüche zum Machismo kamen, bis eine gebürtige Puertoricanerin aufbegehrte und die andere Seite der Pfiffe und Anerkennungen darstellte: "Dafür mach ich mich doch schön, was habt ihr deutschen Frauen nur gegen Schönsein?" Entsprechend äußerte eine chilenische Frau ihr Unverständnis: "Ich trage immer Lippenstift..." was zu einer anregenden Auseinandersetzung über Feminismus, Männerrolle und protestantische Lustfeindlichkeit führte, die im Endeffekt unsere Beziehungen behindert.
Theater als heilsame Sprache
Die Idee, daß die Bühne ein Ort ist, wo das Unsichtbare erscheinen kann, hält unsere Gedanken gefangen. Wir sind uns alle bewußt, daß der größte Teil des Lebens unseren Sinnen entgeht. Eine sehr einleuchtende Erklärung der verschiedenen Künste ist die, daß sie von Mustern sprechen, die wir erst dann erkennen können, wenn sie sich in Rhythmen oder Formen äußern. Peter Brook4
Die Lust, aber auch die Konzentration zum Spiel
Bei den rasanten Wechseln zur jeweils neuesten Sucht und dem größeren Kick auch in Jugend- und Bildungsarbeit geht in der aktuellen Beliebigkeit die Konzentration für wirkliche Künste verloren. Entsprechend soll die Theaterpädagogik und auch das Theater der Unterdrückten schnelle Ergebnisse liefern, an tiefergehender Forschungsarbeit wäre aber nur Interesse, soweit die Antworten schnell konsumier- und umsetzbar sind. Manches Mal sind auch wir mit unserem Entgegenkommen an den Verkürzungen beteiligt, in der Knappheit unserer möglichen Treffen ist auch eher Flucht als Gelassenheit zu spüren.
Ausbildungen und Fortbildungen
So einfach und spielerisch der Einstieg an einem Wochenende sein kann: Eine Woche ist dann doch so intensiv, daß die meisten Teilnehmenden danach eher vorsichtig werden: Wieviel Vertiefung soll sein, wieviel Ausweitung in Richtung künstlerischer Darstellung, wieviel politische Weiterarbeit? In aufbauenden Seminaren (z.B. Reihe "stop ! tabu" im Institut für Jugendarbeit des Bayr. Jugendrings mit 3 x 3 Tagen) können wir auch die Reflexion der Berufspraxis und der persönlichen Pädagogik angehen, um die theaterpädagogischen Impulse auch wirklich fundiert anzulegen. Die österreichische Variante von Lisa Kolb mit der AGB Wien wird am Ende des Heftes noch umrissen, dazu gibt es im Hintergrund WIEGL, die Wiener Forum-Theater-Gruppe und ihre verschiedenen Ableger (Frauen- Forum- Theater- Gruppe u.a.) und Anwender. Bei GIOLLI in Italien gibt es einen Jahreskurs zum Theater der Unterdrückten. Um in der Paulo-Freire-Gesellschaft eine entsprechende Reihe auf die Beine zu stellen, müßten wir noch einige intensivere KollegEntreffen und - Weiterbildungen durchführen.
Der KollegEnkreis und das internationale Netzwerk
Auch wenn sich gerade abzeichnet, daß unser vereinbartes Juni-Treffen nicht zustandekommt, hoffe ich doch auf intensivere Zusammenarbeit auch im süddeutschen Raum. Wenn ich auch selbst immer wieder mehr in Berlin mitdenke, weil da die Nachfragen weit mehr, die Finanzierungen aber schon enger sind, möchte ich doch der missionarischen Arbeit im Süden nachgehen:

1 Als Kopie bei der PFG zu erhalten, Kopierkosten x 86 Seiten.
2 Augusto Boal: "Theatre od the Oppressed", Pluto Classic, Pluto Press, London1979, (Teatro de Oprimido 1974) S. 95
3 Bert Brecht: Schweyk im Zweiten Weltkrieg, Gesammelte Werke 5 S. 1968 Frankfurt 1967
4 Peter Brook: Der Leere Raum, Berlin 1994
fritz letsch, theaterpädagoge
in der Paulo-Freire-Gesellschaft 07.10.96

Auf dem Weg zu einem Theater der Veränderung
Auszug aus dem Leitartikel der zeitschrift für befreiende pädagogik nr. 10: es braucht mut, glücklich zu sein